Kommunikation und Koordination

Unternehmensübergreifende Kommunikation und Koordination in der Energiebranche

Autor: Dr. Michael Stadler 

Der Umbau des Energiesystems in Richtung CO2-Neutralität verursacht eine hohe Dynamik: Immer mehr Akteure müssen sich in immer kürzeren Zeitabständen miteinander koordinieren – unter Beachtung der regional verfügbaren Stromnetzkapazitäten und Marktpreise für Strom. Die Umsetzung sämtlicher unternehmensübergreifender Prozesse zur Lösung dieser und weiterer Herausforderungen im Stromsystem basiert auf IT-Komponenten zur unternehmensübergreifenden Kommunikation und Koordination.

Den meisten neuen Prozessen ist gemein, dass regelmäßig viele Handlungen zwischen zahlreichen Akteuren (z.B. mehr als 1.000 Teilnehmer beim Redispatch 2.0) oder unter anspruchsvollen Zeitbedingungen (z.B. 6 Minuten im Rahmen der Netzbetreiberkaskade) durchgeführt werden müssen. Auf Grund solcher Anforderungen ist die Automatisierung der Prozesse und der zu Grunde liegenden Kommunikation zwingend notwendig. Und: Die Anzahl von Objekten, Prozessen und Akteuren, darunter auch immer mehr kleinere Unternehmen, die von einer Automatisierung unterstützt werden, steigt.

Jedem Prozess liegen eine andere Fachlogik sowie andere Kommunikationsprotokolle zu Grunde. Die Fachlogik kann dabei entweder weitgehend durch eine Zentrale zur Verfügung gestellt werden oder sie kann rein dezentral auf die einzelnen Prozessteilnehmer verteilt sein. Die Kommunikation zur Durchführung der Prozesse erfolgt entweder nach dem Peer-2-Peer-Prinzip direkt zwischen den prozessbeteiligten Unternehmen oder zwischen denselben Unternehmen indirekt über eine Zentrale. Dabei ist jeweils die Einhaltung entsprechender „Spielregeln“ für den Ablauf erforderlich.

In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Kernfrage: Wie lässt sich der Aufwand für die Teilnahme an den unternehmensübergreifenden Prozessen in der Energiewirtschaft für das einzelne Unternehmen möglichst klein halten?

Eine Teilnahme an unternehmensübergreifenden Prozessen erfordert eine – zumindest minimale – Fachlogik sowie eine Kommunikationsinstanz bei den beteiligten Unternehmen. Beides kann in einem standardkonformen Client umgesetzt werden, der die Aufgabe eines Kommunikationsendpunktes übernimmt und die notwendige Fachlogik beinhaltet. Der Client wird mit den internen Systemen des teilnehmenden Unternehmens gekoppelt und wickelt dann die Kommunikation mit den Prozesspartnern ab, ggf. über eine Zentrale.

Je nach Anwendungsfall kann es weniger aufwendig erscheinen, einen großen Teil der Fachlogik an eine zentrale Instanz auszulagern. An diese müssen alle Nachrichten und Daten weitergeleitet werden, sodass ein hohes Vertrauen aller Teilnehmer in die zentrale Instanz bestehen muss. Auch muss eine solche Zentrale höchstverfügbar betrieben, gewartet und entwickelt werden, d.h., es muss eine zusätzliche Organisation gefunden oder etabliert werden, welche diese Aufgabe übernimmt. Dies alles erzeugt lange Projektlaufzeiten und hohe Kosten. Hier kann die Peer-2-Peer-Kommunikation eine Alternative sein, die ich einerseits persönlich zwar auf Grund ihrer Flexibilität bevorzuge, die sich jedoch andererseits nicht in allen Kontexten umsetzen lässt.
Unabhängig davon, welcher Ansatz verfolgt wird, können Clients als Kommunikationsendpunkte zum Einsatz kommen.

Ich verstehe, dass es auf den ersten Blick einfacher scheint, vorhandene Bestands-IT-Systeme zu erweitern, um an neuen, unternehmensübergreifenden Prozessen teilzunehmen, anstatt Clients zu verwenden. Schließlich könnte so der Aufwand für Beschaffung, Installation und Betrieb von Clients vermieden werden. Allerdings würde dies zwei gravierende Nachteile mit sich bringen: Während Clients – oder deren Module zur Teilnahme an einem bestimmten Prozess – standardisiert sind, sind es individuelle Erweiterungen von IT-Bestandssystemen nicht. Dies zieht aufwändige Tests und Nachbesserungen vor Inbetriebnahme der unternehmensübergreifenden Prozessteilnahme nach sich. Auch ist bei solchen Lösungen der „Marke Eigenbau“ eine für Sicherheitsbelange erforderliche Entkopplung von IT-Bestandssystemen in unternehmensübergreifenden Kontexten nicht gewährleistet. Deswegen rate ich zum – optimalerweise wiederverwendbaren - Client.

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