KI-Tools sind im Beratungsalltag längst angekommen. Viele Consultants nutzen bereits Lösungen wie ChatGPT, Microsoft Copilot, Claude oder Grok, um Informationen aufzubereiten, Inhalte zu strukturieren, erste fachliche Einschätzungen zu erhalten oder technische Fragestellungen vorzubereiten.
Mit SAP Joule for Consultants verfolgt SAP einen spezifischeren Anspruch: Das Tool soll nicht einfach ein weiteres generisches KI-Werkzeug sein, sondern Anwender:innen gezielt beim Zugriff auf SAP-Wissen unterstützen. Genau darin liegt der erwartete Mehrwert — schnellere Recherche, bessere Einordnung SAP-spezifischer Informationen und ein stärkerer Bezug zum Beratungskontext.
Diesen Anspruch haben wir in einem zweimonatigen internen Proof of Concept überprüft.
Ziel des PoC
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Joule for Consultants im SAP-Beratungsalltag bereits einen spürbaren Mehrwert bietet. Getestet wurden vor allem SAP-spezifische Fragestellungen, Recherchen in SAP-nahen Quellen sowie typische Informationsbedarfe aus dem Projektkontext.
Ergänzend wurde Joule punktuell für allgemeinere KI-Aufgaben ausprobiert, etwa für Zusammenfassungen, Agenda-Vorbereitung oder einfache Coding-Fragen. Diese Tests waren jedoch nicht ausschlaggebend für die Gesamtbewertung, da der Kernnutzen von Joule aus unserer Sicht klar im SAP-Kontext liegt.
Der Gesamteindruck
Das Ergebnis fällt gemischt aus: Die Idee hinter Joule for Consultants ist durchaus relevant, der praktische Nutzen blieb im PoC jedoch hinter den Erwartungen zurück.
Aus Sicht unserer Tester zeigte das Tool im aktuellen Stand noch keinen ausreichenden Mehrwert gegenüber etablierten KI-Lösungen. Besonders der erwartete Vorteil beim Zugriff auf SAP-Wissen wurde noch nicht deutlich genug spürbar.
Konkret heißt das: Bei sehr vielen Anfragen gab es nur vereinzelt Fälle, in denen Joule eine bessere Antwort lieferte als die Vergleichstools. In einem konkreten Beispiel wurde Joule etwa bei einer Frage zum MRP-Lauf als hilfreicher wahrgenommen. Solche positiven Ausreißer waren jedoch eher die Ausnahme als die Regel.
Zusammenfassende Bewertung:
1. Antwortqualität im SAP-Kontext noch nicht überzeugend genug
Der zentrale Bewertungsmaßstab im PoC war, ob Joule Consultants bei SAP-spezifischen Fragestellungen besser unterstützt als bestehende Alternativen.
In der Praxis konnte das Tool diesen Anspruch jedoch noch nicht durchgängig erfüllen. Die Antworten wurden von den Testern nicht immer als präziser, vollständiger oder besser verwertbar wahrgenommen als die Ergebnisse anderer KI-Werkzeuge.
Besonders kritisch wurde bewertet, dass der erwartete Vorteil durch SAP-spezifisches Wissen kaum sichtbar war. Auch bei Recherchen zu OSS Notes, SAP Blogs oder SAP-spezifischen Problemstellungen wurde Joule nicht klar als überlegen wahrgenommen. Ein Tester, der gezielt SAP-spezifische Probleme mit Joule ausprobierte, kam zu dem Ergebnis, dass andere Tools — in seinem Fall vor allem Grok — die gesuchten Informationen häufig schneller fanden.
Damit bündelt sich die zentrale Kritik: Der erwartete Mehrwert im Kernanwendungsfall — der schnellen, verlässlichen Erschließung von SAP-Wissen für Consultants — war im PoC noch nicht klar genug erkennbar.
2. Quellenqualität und Verlässlichkeit müssen stärker überzeugen
Ein weiterer Punkt aus dem PoC betrifft die Qualität und Nachvollziehbarkeit der Quellen.
Bei einem Tool, das Consultants bei SAP-Fragestellungen unterstützen soll, ist nicht nur die Antwort selbst entscheidend. Mindestens genauso wichtig ist, auf welcher Grundlage diese Antwort entsteht. Im Projektkontext müssen Informationen belastbar, nachvollziehbar und fachlich zuverlässig sein.
Im Test wurde jedoch mehrfach beobachtet, dass Joule auf Quellen verwies, deren Verlässlichkeit nicht immer eindeutig war. Teilweise wurden etwa Forenbeiträge herangezogen, bei denen aus Sicht der Tester unklar blieb, ob die Inhalte fachlich korrekt oder ausreichend belastbar sind.
Gerade hier wäre ein stärkerer Fokus auf verlässliche SAP-Quellen wichtig. Der große Mehrwert eines spezialisierten SAP-Tools müsste darin liegen, nicht nur irgendeine passende Information zu finden, sondern die relevanteste und vertrauenswürdigste Information für den jeweiligen Beratungskontext bereitzustellen.
3. Der erwartete Produktivitätsgewinn bleibt noch zu wenig sichtbar
Neben der reinen Antwortqualität ging es im PoC auch um die Frage, ob Joule den Arbeitsalltag von Consultants spürbar effizienter macht.
Der potenzielle USP von Joule liegt darin, SAP-Wissen nicht nur bereitzustellen, sondern Consultants schneller zu belastbaren Ergebnissen zu führen, Rechercheaufwand zu reduzieren und fachliche Informationen besser in den Projektkontext zu übertragen.
Genau dieser Produktivitätsgewinn war im PoC noch nicht klar genug erkennbar: Mehrere Tester beschrieben, dass sie mit etablierten Tools schneller zu verwertbaren Ergebnissen kamen.
Das bedeutet nicht, dass der Ansatz falsch ist. Im Gegenteil: Ein spezialisierter KI-Assistent für SAP-Consultants kann sehr wertvoll sein. Im aktuellen Stand wurde dieser Vorteil jedoch noch nicht konsequent genug erlebbar.
4. Punktuelle Tests außerhalb des Kernanwendungsfalls fielen durchwachsen aus
Obwohl der Fokus des PoC klar auf SAP-Wissen lag, wurde Joule auch punktuell für allgemeinere Aufgaben getestet. Dazu gehörten zum Beispiel das Erstellen einer Agenda, das Zusammenfassen von Texten oder einfache Coding-Fragen.
Diese Tests dienten nur als ergänzende Einordnung, weil der zentrale Bewertungsmaßstab weiterhin der Nutzen im SAP-Beratungskontext bleibt.
Hier zeigte sich ein ähnliches Bild: Bei Agenda-Vorbereitung, Textzusammenfassungen oder einfachen Coding-Aufgaben wurden ChatGPT und Gemini mehrfach als stärker wahrgenommen. In einem Fall wurde berichtet, dass selbst einfaches Coding mit Joule nicht zufriedenstellend funktionierte, während andere Tools bessere oder besser strukturierte Antworten lieferten.
Auch hier gilt: Joule muss nicht in jeder generischen KI-Aufgabe führend sein. Wenn es aber im SAP-Kernanwendungsfall noch keinen klaren Vorsprung zeigt und gleichzeitig bei allgemeinen Aufgaben hinter etablierten Tools zurückbleibt, wird die Gesamtpositionierung schwieriger.
5. Reife, UX und Stabilität beeinträchtigen die Nutzung
Mehrere Tester beschrieben Joule for Consultants im aktuellen Stand als noch nicht reif genug für einen produktiven Mehrwert im breiten Einsatz. Begriffe wie „Beta“, „noch nicht stabil genug“ und eine im Vergleich schwächere User Experience fielen mehrfach.
Dieser Eindruck entstand nicht durch einen einzelnen Fehler, sondern durch die Summe verschiedener Nutzungserfahrungen.
Die Erwartung an ein Beratungswerkzeug ist hoch: Es muss zuverlässig funktionieren, schnell reagieren und sich nahtlos in den Arbeitsfluss einfügen. Gerade bei einem Tool, das Consultants im Projektalltag unterstützen soll, sind Zuverlässigkeit, Geschwindigkeit und nahtlose Bedienbarkeit entscheidend. Wenn die Nutzung zu viel Reibung erzeugt, sinkt die Akzeptanz schnell — selbst dann, wenn die Grundidee überzeugt.
Im PoC wurden unter anderem folgende Punkte kritisch bewertet:
- Chats liefen ab oder wurden gelöscht
- Sitzungen wurden schnell inaktiv
- nach Inaktivität war ein Refresh oder erneuter Login notwendig
- Chats wurden nach längerer Inaktivität als expired markiert
- die Suche über alle Chats funktionierte nicht zufriedenstellend
- Bild-Uploads dauerten sehr lange
- die User Experience wurde im Vergleich zu anderen Tools als schwächer wahrgenommen
Diese Punkte mögen einzeln wie kleinere UX-Themen wirken. In Summe beeinflussen sie jedoch stark, ob ein Tool im Alltag wirklich genutzt wird, weil sie zusätzliche Reibung statt Entlastung erzeugen.
Consultants arbeiten häufig unter Zeitdruck. Ein KI-Assistent muss daher unmittelbar verfügbar sein, Ergebnisse zuverlässig speichern und ohne unnötige Unterbrechungen funktionieren. Wenn Chats verschwinden, Sessions ablaufen oder Uploads zu lange dauern, entstehen zusätzliche Herausforderungen statt Entlastung.
6. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird kritisch gesehen
Der potenzielle Wert von Joule for Consultants wird grundsätzlich gesehen: Ein KI-Assistent mit tiefem SAP-Kontext, verlässlicher Quellenbasis und guter Integration in den Beratungsalltag wäre für SAP-Consultants sehr interessant.
Aktuell wurde dieser Wert im PoC jedoch noch nicht ausreichend sichtbar. Dadurch stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Unser Fazit: Der USP des Tools wäre wertvoll, wird aktuell aber noch nicht ausreichend erfüllt. Für den Preis sei Joule daher derzeit nicht überzeugend genug.
Für einen breiten produktiven Einsatz müsste Joule diesen USP deutlich stärker einlösen — etwa durch bessere SAP-spezifische Unterstützung, spürbar weniger Rechercheaufwand oder einen klaren Vorteil bei Integration, Governance und Kontextverständnis.
Im aktuellen Stand ist dieser Business Case aus Sicht der Tester noch nicht stark genug.
Positive Beobachtungen
Trotz der kritischen Gesamtbewertung gab es auch positive Punkte:
Grundsätzlich wurde begrüßt, dass SAP ein solches Tool bereitstellt. Der Bedarf ist klar vorhanden: SAP-Consultants arbeiten mit komplexen Systemen, umfangreicher Dokumentation, vielen Quellen und häufig sehr spezifischen Fragestellungen. Ein KI-Assistent, der diese Informationen zuverlässig erschließt, hätte großes Potenzial.
Die Herausforderung liegt aktuell weniger in der Idee, sondern in der Konsistenz. Einzelne gute Antworten reichen im Beratungsalltag nicht aus. Entscheidend ist, dass ein Tool zuverlässig und wiederholbar Mehrwert liefert.
Fazit: Die Gesamtbewertung
Joule for Consultants adressiert ein relevantes Problem. Der Beratungsmarkt braucht KI-Unterstützung, die SAP-Projektarbeit versteht und über generische Textgenerierung hinausgeht. Gerade deshalb ist die Idee hinter Joule spannend.
Unser zweimonatiger interner PoC zeigt jedoch: Im aktuellen Stand erfüllt Joule for Consultants unsere Erwartungen an Qualität, Stabilität und SAP-spezifischen Mehrwert noch nicht ausreichend. Diese Gesamtbewertung bündelt die zuvor genannten Punkte zu Antwortqualität, Quellenverlässlichkeit, Produktivität, UX und Business Case.
Für einzelne Anwendungsfälle kann Joule hilfreich sein. Für einen breiten produktiven Einsatz sehen wir derzeit aber noch keinen klaren Business Case. Der erwartete Vorsprung gegenüber etablierten KI-Tools wurde im praktischen Einsatz noch nicht deutlich genug.
Unsere Einschätzung ist daher keine grundsätzliche Absage an Joule. Vielmehr ist sie eine Momentaufnahme: Das Potenzial ist vorhanden, aber es muss noch stärker in der täglichen Nutzung ankommen.
Kurz gesagt: Joule for Consultants ist ein relevantes Tool mit richtigem strategischem Ansatz. Für den produktiven Beratungsalltag braucht es aber vor allem mehr Reife, eine stabilere User Experience, verlässlichere Quellen und einen klar spürbaren Mehrwert beim Zugriff auf SAP-Wissen.